*Quo Vadis Legale Flächen?*

02. Juni 2010



*Quo Vadis Legale Flächen?*


      1. Bedeutung legaler Wände und Einschätzungen aus der Sozialarbeit

      2.Erfahrung der „Mütze“/Mülheim

      3.Bochum als Modell

      4.Forderungen

      5.Anhang Zürich

1. Bedeutung legaler Wände und Einschätzungen aus der Sozialarbeit

Schaut man sich die bisherige Politik rund um Graffiti in Köln an, so bleibt einem nur die Schlussfolgerung offen, die bisherigen Ansätze seitens der Stadt als gescheitert anzusehen. Es wurde viel öffentlichkeitswirksames Aufsehen rund um die Kriminalisierung und Entfernung von Graffiti gemacht, während sich andererseits eine Zunahme des Graffitiwritings und der Streetart im öffentlichen Raum feststellen lässt.

Geschaffen wurde das Klima eines Stellungskrieges zwischen den Malern auf der einen Seite und Stadt auf der anderen. Dass neu angebrachte Graffiti nicht innerhalb der angekündigten 48 Stunden entfernt werden, dürfte der Graffitiszene als erstes aufgefallen sein. Die aktuelle Politik aus Öffentlichkeitsmobilisierung und polizeilicher Repression erscheint uns mehr als problematisch, wenn nicht gar als kontraproduktiv, wenn man bedenkt, wie hier gegenüber Jugendlichen Antworten formuliert werden.

Nach jahrelanger Arbeit mit und um die lokale Graffitiszene erscheint es uns an der Zeit, nach neuen Wegen zu suchen. Konzepte, die darauf abzielen, Graffiti in Gänze zu bekämpfen, zum Beispiel durch die Verschärfung der §§ 303-304 StGB, erscheinen uns utopisch und jugend-, sozial- wie kriminalpolitisch verfehlt.

Es kann längerfristig nur darum gehen, mit dem urbanen Phänomen umzugehen. Ideen von einem Köln ohne globale Stadtkulturen wie Graffiti verschließen letztlich nur die Augen vor dem, was man nicht sehen mag, aber trotzdem da ist. Hierzu scheint es uns von Nöten, gerade auch die Graffitiszene selbst, auch wenn nur in Teilen, in nachhaltige Projekte einzubeziehen.

Als einen realistischen wie kostenneutralen Ansatz sehen wir die Schaffung legaler Wände innerhalb des Stadtgebietes an. Zwar gehen auch wir davon aus, dass legale Flächen nie das Phänomen Graffiti zum Verschwinden bringen, allerdings, so lässt sich festhalten, wird jede an einer legalen Wand versprühte Dose, nicht mehr im Stadtbild „verballert“. So wies auch erst kürzlich eine Studie aus Zürich (siehe Anhang) darauf hin, dass durch die Schaffung diverser legaler Flächen die Anzahl illegaler Werke deutlich zurückgegangen ist. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen auch eine Expertenkommission der Stadtverwaltung London und verschiedenste Beiträge des australischen Graffitikongresses, wenn sie nach legalen Ausdrucksmöglichkeiten suchen. Wie kaum ein anderer hat dies bereits Jürgen Kottbusch für die Stadt Bochum zusammengefasst:

Hier ein Auszug aus der Argumentation von Jürgen Kottbusch / Jugendamt Bochum:

*Graffiti ist eine friedliche, kreative, weltweite Jugendkultur, die sich ausdrücken können muss.“
*Legale und illegale Graffiti unterscheiden sich gravierend in ihrem Ausdruck.“
*Unterdrückte Kreativität schlägt in Destruktivität um.“
*Legale Sprayer fordern legale Wände. Nicht mehr und nicht weniger - aber dies mit Hartnäckigkeit und im Rahmen kluger Aktionen.“
*Ein legaler Sprayer ist nicht für einen illegalen Sprayer verantwortlich.“
*Ein illegaler Sprayer kann auch an legalen Wänden sprayen. Ein legaler Sprayer kann sich ebenso auch für illegales Sprayen entscheiden. Das Jugendamt / Kulturamt fördert legales Sprayen legaler Sprayer an legalen Wänden – in jeder Situation und Kombination.“
*Sprayer dürfen nicht diskriminiert werden im Verhältnis zu anderen Kulturschaffenden / Jugendlichen, denen Sportplätze, Bolzplätze, Skaterparks, BMX-Bahnen, Spielplätze, Kunstschulen, Musikschulen, hoch subventionierte Jugendplätze im Theater und anderen kulturellen Einrichtungen und so weiter klaglos und fraglos seit Jahrzehnten finanziert werden. Schlichte, einfache, graue Betonwände für Sprayer und ihre Graffiti, von denen es Millionen von qm gibt, können angeblich nicht bereitgestellt werden. Notfalls müssten sie dann halt gebaut werden – so wie auch alle o.a. Einrichtungen ja gebaut wurden.“
*Die Behauptung, legale Graffiti ziehen illegale Graffiti nach sich, ist absurd, wenn es keine legalen Wände in der Stadt gibt.“
*Aus der unbewiesenen Behauptung, legale Graffiti ziehen illegale Graffiti nach sich, kann nicht gefolgert werden, dass es keine legalen Wände geben darf. Die Tatsache von vielen hundert Verkehrstoten jährlich führt eben nicht zur Einstellung des Straßenverkehrs, die Tatsache von Banküberfällen führt auch nicht zur Schließung von Banken und das schlechte Abschneiden Deutschlands bei den PISA - Studien führt nicht zur Schließung von Schulen. In diesen Bereichen ist man offensichtlich in der Lage zu differenzieren.“

2. Erfahrung der „Mütze“(Bürgerzentrum Mülheim)

Als ein weiteres positives Beispiel für legale Flächen verweisen wir hier, auf die Erfahrungen mit der von uns geschaffenen, einzigen legalen Fläche (Hall of Fame) in Köln Mülheim .

Seit 2002 wird diese regelmäßig von lokalen sowie auch nationalen und sogar internationalen Malern genutzt. Die Bandbreite der Nutzungsmöglichkeiten erstreckt sich über Piecing, Workshops für Jugendliche, Lehrer oder Sozialpädagogen, der Herstellung großformatiger Konzeptbilder, bis hin zu Events wie Graffiti-Jams! Darüber hinaus diente diese Wand schon als Hintergrund für Graffitimagazine und Filmsets (zuletzt „Das Wort zum Sonntag“). Die integrative Funktion der bereits früher illegal bemalten und in Kooperation mit Hausbesitzern legalisierten Fläche ist nicht zu unterschätzen: Es gab und gibt zahlreiche Kontakte zwischen Malern und Öffentlichkeit bis hin zu Folgeaufträgen. Die Anwohner akzeptierten die Freifläche und es gab durchweg positive Resonanz. Dabei hat sich gezeigt, dass es gilt, legale Wände nicht wild zu lassen, sondern sie betreut und in Kooperation mit der Szene zu realisieren.

Nicht nur die Dosenentsorgung wird so geregelt, die Hall hat vor allem auch soziale Funktionen: Kontakte zwischen unterschiedlichen Malern werden gefördert, eine technische, historische wie soziale Wissensvermittlung findet innerhalb der Szene statt. Gerade im Kontext von legalen Wänden wird dabei gesundheitsschonend unter Verwendung einer Gasmaske gemalt. Lerneffekte hin auf auf eine künstlerische Entwicklung und die persönlichen ´Skills´ lassen sich nicht von der Hand weisen. Will man sich der im Falle Graffiti gerne verwendeten Rhetorik der „Aufenthaltsqualität“ anschließen, so muss man feststellen, dass die Existenz der Hall of Fame eine positive Wirkung auf die Umgebung hatte. Das Problem dieses Ansatzes besteht allerdings in einer möglichen Änderung von Eigentumsverhältnissen an den genutzten Wänden, mit den die Realisation eines solchen Konzeptes steht oder fällt. Sowohl für die Szene, als auch für eine nachhaltige Integration bedarf es einer Sicherheit, sich nicht von Moment zu Moment in einer Situation der Illegalität wiederzufinden.

Die größte geduldete und zugleich stark frequentierteste Fläche Kölns befindet sich zur Zeit in Braunsfeld (Stolbergerstr. 90E) und soll leider 2008 teilweise abgerissen werden. Hier entstanden über viele Jahre mehrere tausend Bilder.Weiterhin fanden hier verschiedene Graffiti-Jams statt. Durch den Wegfall dieser Fläche wird die Stadt Köln um eine weitere legale Möglichkeit ärmer.

3. Bochum als Modell – New York als Alternative?

Die Stadt Bochum kann mit ihren 18 legalen und teilweise frei zugänglichen oder in Eigenverantwortung befindlichen Wänden als Vorreiter gelten. Hier entstehen zum Teil grandiose Bilder ohne Angst vor polizeilicher Repression, wie es auch immer wieder zu Kontakten mit der lokalen Bevölkerung kommt, die sich ihrerseits über Graffiti aus erster Hand informieren möchte. Verschiedene Flächen werden von Jugendlichen für ein Jahr betreut, innerhalb dieser Zeit können sich nicht nur ihr kreatives Potenzial ausleben und sich ausprobieren, sondern erleben sich selbst als aktiven und wahrgenommen Part einer städtischen Gemeinschaft.

Einen entsprechenden Ansatz in der Welthauptstadt des Graffitiwritings, New York, stellen die durch das MOMA gefeaturte „5 Pointz“ (auch als „Higher Institute of Burning“ bekannt, ehemals „Phun Phactory“) dar. Hier wurde an attraktiver Stelle ein Industriegelände entlang der Linie 7 legalisiert, welches sich zwischenzeitlich sogar in nahezu allen neueren Reiseführern wiederfinden lässt und als zur Zeit „angesagteste Galerie New Yorks“ gilt. Sie wird durch den ehemals illegal aktiven Maler MERES betreut und bietet der globalen Graffitiszene in der Hauptstadt der Zero-Tolerance-Politik einen Anlaufpunkt, über den regelmäßig in der New Yorker Presse berichtet wird.

4. Forderungen

Vor dem Hintergrund dieser und unserer eigenen Erfahrungen bleiben uns folgende Forderungen:

 "Eine Freigabe legaler und attraktiver Flächen, die möglichst breit innerhalb des Stadtgebietes gestreut werden müssten. Wichtig erscheint es uns, dass nicht 1-2 Flächen geschaffen werden, sondern dass in einem ausreichenden Umfang wie in Zürich oder Bochum legalisiert wird."

Enviornmet Comittee City of London: Young London speaks. Young people´s views on improving the street enviornment, London 2004

 "Eine Einbindung der Szene bei der Schaffung und Betreuung der Flächen, scheint von Nöten: Gerade in Köln kann das Klima zwischen Szene und der Stadt Köln durch die negative Pressearbeit der Kölner Anti-Spray Aktion als vergiftet angesehen werden. Für eine Betreuung und Weiterentwicklung legaler Konzepte bedarf es allerdings Vertrauen, damit es gelingt, eine Akzeptanz bei Graffitigegnern wie -befürwortern zu schaffen. Projekte wie die „Mittwochsmaler“ oder „CasaNova“ verfügen über nötige Erfahrungen in diesem Bereich."

" Auch weiterhin bleiben unsere Forderungen zu einer realistischen Stadtpolitik bestehen: Abschaffung der KASA und der Sonderkommission Graffiti, da aus unserer Sicht bei diesen weder ein nachhaltiges Konzept, noch ein sozial verträglicher Ansatz zu erkennen ist. Die Schaffung eines Täter-Opfer-Fonds nach Berliner Vorbild sollte auch in Köln angestrebt werden."

5. Anhang:

http://www.20min.ch/news/zuerich/story/21557728 (Quelle 14.01.08)

Enviornmet Comittee City of London: Young London speaks. Young people´s views on improving the street enviornment, London 2004

New York Times: Legal Graffiti? The Police Voice Dissent, in: New York Times: 11.09.1996

New York Times: Museum with (only) Walls, in: New York Times: 08.08.2004

                                        

                                                        -Casanova-koeln, Januar 2008-